Ökosystemen in Nordhausen auf der Spur
von J.Menge
Mit Gummistiefeln, Keschern und Lupengläsern bewaffnet verwandelte eine Schülergruppe des Humboldt Gymnasiums das Ufer der Zorge kurzerhand in ein Freiluft-Labor. Das Ziel der jungen Forscher: Herausfinden, wie es um die biologische und chemische Gesundheit ihres heimischen Flusses steht. Die Ergebnisse sind mehr als erfreulich. „Da bewegt sich was!“, lockt sofort die gesamte Gruppe an das flache Ufer. In seinem Kescher zappelt eine kleine Groppe. Was für Laien wie ein gewöhnlicher Fund wirkt, ist für die Gewässeranalyse eine kleine Sensation – das Fischlein stellt extrem hohe Ansprüche an ihre Umgebung. Sie braucht klares, kühles Wasser und einen steinigen Grund. Doch nicht nur die Fische standen im Fokus. Um die Gewässergüte präzise zu bestimmen, suchten die Neuntklässler gezielt nach sogenannten Zeigerorganismen. Unter Steinen im strömenden Wasser wurden sie fündig: Steinfliegenlarven und Bachflohkrebse besiedeln hier in großer Zahl das Substrat. Die Anwesenheit der Steinfliegenlarve ist wie ein TÜV-Siegel für den Fluss. Diese Tiere reagieren äußerst empfindlich auf Sauerstoffmangel oder chemische Verunreinigungen. Ihr Vorkommen lässt nur einen Schluss zu: Die Zorge weist an dieser Stelle die Güteklasse I bis I-II auf – sie ist also biologisch nahezu unbelastet. Parallel zur biologischen Suche prüften die Schüler die chemischen Parameter. Die Messinstrumente zeigten niedrige Nitratwerte und einen hohen Sauerstoffgehalt – Werte, die perfekt zum lebendigen Inventar des Flusses passen. Auch geografisch punktet die Zorge: Die hohe Fließgeschwindigkeit und die natürliche Beschattung durch die Ufervegetation sorgen dafür, dass das Wasser auch an warmen Tagen kühl bleibt – lebenswichtig für Elritzen und Forellen.
Zu ähnlichen Ergebnissen kam ein weiteres Forschungsteam während seiner Untersuchungen an drei verschiedenen Bächen rund um die Gumpe. Bei dieser Gruppe stand nicht nur das Gewässerökosystem auf dem Plan – sie setzten bereits im Februar begonnene Biozönose-Analysen im Park Hohenrode und einer Streuobstwiese fort, untersuchten Hecken und Waldabschnitte und verglichen neben der räumlichen und der zeitlichen Struktur die Räuber-Beute-Beziehungen, Konkurrenzen sowie die abiotischen Umweltfaktoren Licht, Luftfeuchtigkeit sowie Temperatur dieser Untersuchungsräume.
Gruppe 3 und 4 erkundeten auf ähnlicher Weise und mindestens genauso engagiert die Lebensräume der Windlücke.
Für alle Schüler war der Tag mehr als nur eine Biologiestunde. „Es ist ein Unterschied, ob man ein Bild im Lehrbuch sieht oder selbst eine seltene Groppe vorsichtig im Wasser beobachtet“, Vogelstimmen lauscht und Blühpflanzen selbst bestimmt. Am Ende des Tages steht fest: Die Zorge und die Bächlein in der Gumpe oder in Rüdigsdorf sind weit mehr als nur fließende Gewässer. Wie die Parks, die Streuobstwiesen, die Hecken und die Wälder sind alle wertvolle Ökosysteme, die es zu schützen gilt.
Text: K. Schanz, C. Reibeholz
Foto: K. Schanz